Ein Teil meines Lebens: Die Sportbulimie. Teil I

Download PDF

Als ich mit 19 Jahren meine Ausbildung zur Bankkauffrau begonnen habe, musste ich mich mit einem mal rund neun Stunden am Tag als ein Mensch ausgeben, der ich absolut nicht bin:
Leise statt quirlig.
Ruhig statt bunt.
Regelkonform statt liebevoll und spontan.
Kompetent statt sanft.

Und es gab absolut keine Bereiche, in denen ich besonders herausragte. In der Welt des Geldes war ich einfach eine nette Angestellte am Schalter, sonst aber wirklich gar nichts.

Mein Ego jedoch fand diese Situation damals einfach nur zum Kotzen.
Und, obwohl ich eine wirklich schöne Ausbildungszeit hatte, mit super tollen Kollegen und einem starken Ausbilder, began in mir etwas zu bröckeln.
Es wurde sehr leise in mir, da war eine Art schwarzes Loch, dass sich in meinem Herzen ausbreitete, denn den Großteil des Tages verbrachte ich mit einer Arbeit, die mir einfach absolut nicht liegt. Und die nicht einmal durch besonders viel Spielraum für meine Kreativität punkten konnte.
Also war da anstelle meiner Gefühle irgendwann eine gähnende Leere, die sich täglich mehr und mehr in mir ausbreitete.

Ich sehnte mich nach Tanz, nach der Bühne, nach meinem eigentlichen Berufswunsch, der Schauspielerei…

Und da ich meinem Herz nichts geben konnte, was seine Sucht nach Leidenschaft irgendwie stillen konnte, suchte ich mir etwas, womit ich wenigstens meinen Ehrgeiz befriedigen konnte:

Und das war Sport.
Und zwar täglich.

Mein Gegner: Ich selber. Oder besser gesagt: Meine Waage.

Denn durch den Job in der Bank hatte ich ordentlich zugelegt, was ich auf mangelnde Bewegung zurückführte.

Ich began also, zu joggen.
Da, wo ich damals wohnte, brauchte ich keine fünf Minuten, um an der Saar den Radweg entlang joggen zu können.

Und ich startete bereits an meinem ersten Tag des Trainings, mir meinen Wendepunkt zu merken, um ihn beim nächsten Training zu überbieten.

Das war anfangs noch wirklich leicht, denn ich schaffte zunächst keinen Kilometer, ohne fast zusammenzubrechen…

Aber nach zwei Wochen lief ich bereits diese Strecke ohne eine einzige Pause. Und zwar hin und zurück.

Der nächste Ort, der fünf Kilometer von Saarburg entfernt, war für mich ein Ziel, welches ich noch im ersten Monat meines Trainings schaffen wollte.

Ich schaffte es in Woche drei. Und in Woche vier lief ich die gesamte Strecke bis unter die Dusche zu Hause ohne eine einzige Pause.

Jedoch hatte ich einen Gegenspieler, der mir ziemlich in die Quere kam, und das Laufen am Abend sehr erschwerte. Der Herbst mit seinen Stürmen und Unwettern.

Und da ich ja auch den Winter hindurch trainieren wollte, meldete ich mich in einem Fitnessstudio an. Dort konnte ich bis 23 Uhr auf das Laufband, ohne dass ich Gefahr lief, vom Wetter überrascht zu werden.

Außerdem konnte man dort auch noch Fernsehen, während man seine Kilometer runterspulte.

Und so began ich, nach dem Feierabend in der Bank, zunächst meine täglichen zehn Kilometer zu laufen.

Und als ich dies in einer Stunde schaffte, erschien es mir lächerlich, schon aufzuhören. Ich nahm also meine Liste, auf der ich festgehalten hatte, was ich den ganzen Tag gegessen hatte, und ließ den Kalorienzähler am Trainingsgerät zukünftig meinen Trainingsplan erstellen. Denn erst, nachdem ich MINDESTENS die Kalorien abgelaufen hatte, die ich zu mir genommen hatte, erlaubte ich mir aufzuhören.

Damals war ich schon in die Spirale der Sucht geraten, ohne es wirklich wahrzunehmen. Ich kannte unter dem Begriff „Essstörung“ nur zwei Optionen: Entweder alles erbrechen, was man isst, oder gar nichts essen.

Dass auch Sport eine Art ist, sich der zugenommen Kalorien zu entledigen, ist mir absolut nie in den Kopf gekommen.

Nebenbei fuhr ich tolle Komplimente von Kollegen ein:
„Du siehst gut aus!“

„Wie machst du das nur?“

oder, was mich am meisten schmeichelte:
„Du, der Benny hat Dich um fünf im Fitnesscenter gesehen. Und um neun warst Du immer noch da. Hut ab für deine Disziplin!“

Da war endlich etwas, was ich besser konnte, als die anderen. Und etwas, in dem ich die volle Kontrolle hatte.

Das Kontrolle eine große Rolle bei Patienten mit Essstörungen spielt, werde ich später in einem der nachfolgenden Teile erläutern.

Jedenfalls ging ich dem täglichen Wettkampf täglich nach, bis ich eines Tages in dem Fitnessstudio rückwärts vom Crosstrainer fiel und kurz bewusstlos war.

An dem Abend beschlossen meine Mutter und ich, dass ich ins Krankenhaus gehöre. Aber auch einige sehr sensible SMS mit einem Kollegen, der mich gut einschätzen konnte, überzeugten mich, mich ins Krankenhaus zu begeben.

Dort stand dann auf der Inneren der Chefarzt vor mir, und zählte mir auf, welche Organe bereits in Mitleidenschaft gezogen waren:
Vor allem das Herz. Denn dank des ständigen Eiweißmangels baute sich dort bereits der Muskel ab. Und die Eiweißfäden, die die Herzklappen halten, bauten sich auch bereits ab.

In dem Moment machte es in meinem Kopf das erste mal „Klick“.

Und so wurde ich eine wirklich brave Patienten der psychosomatischen Inneren Abteilung. Ich wurde ab sofort beim Essen kontrolliert, täglich gewogen und sollte, sobald ich körperlich fit war, in eine Rehaklinik, die sich auf die Thematik Essstörungen spezialisiert hatte.

Und über diese Zeit werde ich Euch im nächsten Beitrag informieren.

Erst einmal möchte ich allen Lesern einfach nur gerne aufzeigen, wie leicht man in eine solche Krankheit hineinrutschen kann.

Und dass es nicht bei jeder Frau (oder Mann!!), die magersüchtig oder an Bulimie erkrankt ist, an den Models und dürren Vorbildern liegen muss, um sich selber zu bekämpfen.

Es gab viele, sehr viele Gründe, die in mir den Weg für diese Krankheit bereiteten, und die meisten habe ich erst in der Rehaklinik und die stärksten erst jetzt erkannt.

Liebe Grüße

Eure Mira


2 Comments

Schreibe einen Kommentar