Erziehung – Kommentar zu „Freud und Leid einer Teilzeit-Mami“ – „Es ist doch mein Kind“

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„Wie kannst Du dein Kind allein lassen?

Es. Ist. Doch. DEIN. KIND (…)

Wie oft höre ich in den letzten Wochen diesen Satz. Nicht nur von Außenstehenden, sondern vor allem von einer unerhört kritischen Stimme: Meiner eigenen. (…)“ (ganzer Beitrag: http://websites.familymag.net/freud-und-leid-einer-teilzeit-mami/)

Ich, Deva, begegne diesem Phänomen gar nicht so selten in meiner Arbeit als Familien- und Paartherapeut und dies vermehrt bei alleinerziehenden Elternteilen. Vermutlich liegt es am veränderten Rollenverständnis von Müttern und Vätern, dies sowohl von Seiten der Eltern also Frauen und Männern sowie auch von gesellschaftlicher Seite.

Hier ein paar meiner Überlegungen hinsichtlich der Hintergründe für diesen Wandel, wenn es denn überhaupt ein Wandel ist und nicht schon immer Eltern dieses Empfinden hatten und nur nicht geäußert haben.

Ich werde aus dem Grund des einfacheren Schreibens, nachfolgend den Begriff Mutter verwenden, da es noch immer vornehmlich Mütter sind, die diese Erziehungsarbeit leisten und möchte dabei gleichzeitig die Väter mit einbezogen wissen, die diese Aufgabe übernehmen.

Die Rolle der Mutter „reicht“ nicht mehr als Lebensaufgabe bzw. –ziel. Vielleicht passt der Vergleich, dass es uns Menschen heutzutage nicht mehr reicht ein Dach über dem Kopf und ausreichend Nahrung zur Verfügung zu haben. Es soll eine geschmackvolle und „moderne“ Wohnung sein und ein gesundes, nahreiches bis hin zu gourmethaftes Essen. Diesen Vergleich wie alle meine Ideen hier möchte ich urteilsfrei verstanden wissen, denn genau so sind sie von mir gemeint.

Die „alten und typischen“ Aufgaben einer Mutter, wie das Windeln wechseln, Wäsche waschen, Essen zubereiten und beaufsichtigen haben sich über Generationen hinweg extrem verändert und bedürfen nicht mehr die vollständige Leistungsfähigkeit einer Mutter. Mütter erhalten für ihren „Ganztags-“ Job auch nicht (mehr?) viel Anerkennung, wobei ich denke, dass unser Bedürfnis nach Anerkennung gleichzeitig über die letzten Generationen hinweg angestiegen ist.

Zudem kommen unsere Kinder immer früher in die Kita bzw. den Kindergarten, Schule, sowie Vereine, die ihr (der Mutter) weitere Aufgaben abnehmen, wie das Training des Sozialverhalten, die Schulung der Feinmotorig und die Wissensvermittlung etc. Teilweise probieren viele Mütter diese gewonnene Zeit mit mehr Beschäftigung und Animation der Kleinen auszufüllen zum anderen müssen immer mehr Mütter mit Arbeiten gehen, da einzelne Gehälter heutzutage eher selten für die Versorgung einer Familie ausreichen. Beides raubt ihnen Zeit für SICH.

Ich bin der Überzeugung dass Kleinkinder vor allem Zeit zum Spielen brauchen, einerseits mit anderen Kindern und zum anderen auch allein. Sie brauchen gar nicht so viel von uns Eltern, wie wir glauben. Vor allem brauchen sie unsere Nähe und zwischendurch unsere 100 prozentige Aufmerksamkeit. Das heißt ohne Ablenkung durch Hausarbeit, Smartphone, Laptop, oder ablenkende Gedanken oder oder. Was uns Eltern anscheinend auch immer schwerer fällt.

Über viele Generationen hinweg gab es keine „typische“ Mutterrolle, die über das Stillen hinausging. Häufig liefen die Kinder im Alltag und bei der Arbeit einfach nebenher oder wurden von den Großeltern (-mutter) betreut bzw. beaufsichtigt.

Nicht zuletzt hat auch die sich immer weiter ausbreitende Gleichberechtigung von Mann und Frau einen großen Einfluss auf das Selbstverständnis der Frau und auf deren Sehnsucht nach Erfüllung, Berufung und auch Unabhängigkeit.

Auf der anderen Seite schaffen es Frauen immer häufiger ihre Vorstellung von der Richtung einer sie erfüllenden Aufgabe bzw. Berufung beizubehalten, auch wenn sie nicht so häufig erreicht wird, nimmt sie vermutlich zu.

Durch die zeitsparenden Veränderungen im Alltag wurde nicht zuletzt von der Gesellschaft die Mutterrolle mit immer mehr Aufgaben und Anforderungen belegt. Andererseits kommen auch von der Wirtschaft immer mehr Forderungen nach einem schnellen Wiedereinstiegs in den Beruf, nicht zuletzt wegen des Demographischen Wandels und der damit verbundenen Abnahme von potenziellen Arbeitnehmern.

Wie kann Mutter bzw. Vater nun damit umgehen, dass sie hin- und hergerissen sind zwischen der Sehnsucht nach dem/der Kinder und der Freiheit?

Hier bringt meines Erachtens eine Antwort keine klare und möglicherweise auch keine zufriedenstellende Lösung. So schwer es einem auch fallen mag, sie bzw. er sollte sich auf jeden Fall nicht für diese seine Gefühle verurteilen. Wir Menschen besitzen viele „Persönlichkeitsanteile“ oder auch innere Stimmen genannt, von denen wir meistens keine Ahnung haben. Die bekanntesten sind wahrscheinlich unser innerer Kritiker, unser Perfektionist, unser verspieltes und trotzige Kind, unsere fürsorgliche Mutter (, die geschlechtsunabhängig ist) oder die innere Geliebte (bei Frauen) bzw. unser innere Macho (bei Männern). Alle von ihnen haben nur eines im Sinn, „unser Bestes“, wenn sie häufiger auch widersprüchliche Ansichten davon haben, was unser Bestes ist. Und wir sie häufig nicht verstehen.

Nehmen wir als Beispiel mal unseren Perfektionisten, der uns morgens wenig sanft aus dem Bett schubst und unseren inneren „Faulpelz“, der uns eher dazu überreden möchte, uns noch mal umzudrehen. Ich vermute, Sie kennen diese Situation. Unser Perfektionist spricht unser Verantwortungsgefühl und unser Sicherheitsbedürfnis nach einem Job an. Unser Faulpelz sorgt sich eher um unser körperliches und seelisches Befinden und meint, wir bräuchten mal wieder eine Auszeit zum Entspannen bevor wir uns überfordern.

Kompromisse sind hier nicht immer möglich und es geht unseren inneren Stimmen auch nicht darum, darum, dass wir ihnen folgen. Sie wollen vor allem GEHÖRT WERDEN, denn das ist ihr Job. So wäre es vielleicht auch eine Möglichkeit, die Stimme der fürsorglichen Mutter, die ihr Kind vermisst, wenn es nicht da ist, als das wahrzunehmen, was sie ist. Eine liebende Mutter.

Und wenn wir uns in der Anwesenheit unseres Kindes(r) nach Freiraum sehnen, ist es „einfach“ eine Stimme bzw. Teil in uns, der sich nach Leichtigkeit, Abenteuer, Ruhe oder einfach Zeit für sich sehnt.

Fazit: Nehmen Sie ihre unterschiedlichen „Stimmen“ wahr und verurteilen sie sie nicht.

Zweifeln Sie nicht an sich, Sie sind völlig OK!


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