Ein Wort zu CHEMNITZ. Oder: Bei allem wirklich schlimmen, was gerade passiert: Ich habe dort wundervolle Menschen erlebt und kennen gelernt!

Hallo Ihr Lieben,

gerade sehen Deva und ich auf Phoenix den Presseclub. Und mit großer Erschütterung muss man zugeben, es wiederholt sich gerade unter einem Kessel großen Frustes viel, was vor 100 Jahren zu grauenhaften Ereignissen führte.

Dabei spielt die Stadt Chemnitz eine sehr große Rolle.
Und auch, wenn mir bewusst ist, dass Wut, Hass und Aggression nicht von irgendwoher kommen, Strukturen vorhanden sein müssen, dass so heftige Gruppierungen sich vereinen und organisieren können, ICH MUSS EINFACH MAL LOSWERDEN, was ICH vor einigen Jahren dort erlebte.

Denn meine Familie und ich zogen, als ich zwölf Jahre alt war in diese Stadt, da mein Papa dort in der Feuerwehr eine Stelle annahm.

Was erlebte ich also als angehende Siebtklässlerin in den letzten Ferientagen vor meinem Start an der neuen Schule:

  • Ein paar Mädchen, die in meinem Stadtteil wohnten, kamen einfach mal spontan bei uns zu Hause vorbei. Sie zeigten mir nicht nur den Weg zur Schule sondern auch, wo man sich so trifft, was man alles in unserem neuen Wohnort erleben kann, und: Sie stellten direkt klar, dass mein Schulrucksack, den ich aus Bremen mitbrachte, „absolut nicht geht!“;) Sie bewahrten mich vor einem super peinlichen ersten Auftritt und machten mir den ersten Tag leichter, da ich ja zwei Mädchen aus der neuen Klasse schon kannte.
  • Mein Klassenlehrer wusste, dass ein Wechsel von Bremen (unteres Hauptschulniveau und Trennung der Schulformen erst in Klasse sieben) nach Sachsen ein „Problem“ ist. Vor allem, was den verpassten Lehrstoff angeht. Denn mir fehlten ganze zwei Jahre Englisch, sämtliche Mathematik- und Grammatik-Kenntnisse, Geografie und Physik hatte ebenfalls nicht. Ich glaube, das einzige Fach, in dem ich mithalten konnte war … Musik.
  • Was ich heute erst im Nachhinein richtig „erkenne“: Etliche Lehrer gaben mir die ersten Monate Nachhilfe nach der Schule. Ich fand es damals schrecklich, da ich immer noch eine Stunde länger bleiben musste, aber ich habe die siebte Klasse letztlich trotz der Defizite aus den verschiedenen Lehrplänen heraus geschafft! Und ich wette, da bekam nicht ein Lehrer irgendeine Form von Entlohnung.
  • Die Klassengemeinschaft war, im Gegensatz zu den vielen anderen Schulklassen, die ich erleben „durfte“ ein Segen. Man foppte sich, es gab Außenseiter (hihi, unter anderem mich wegen meiner unfassbar hässlichen Brille^^), aber NIEMAND wurde meines Wissens nach auf irgend eine Weise bösartig beleidigt, ernsthaft ausgegrenzt oder sonst irgendwie unterdrückt.
  • Wir lernten DINGE FÜR´S LEBEN, da die Lehrer viel Humor besaßen (bzw. besitzen). Mit Humor lernt es sich wirklich besser.
  • ES WURDE DURCHAUS entgegen der allgemeinen Meinung gelehrt, was eine extrem rechte Haltung mit sich ziehen kann. Ebenso wurde mit dem selben kritischen Auge die linke Bewegung betrachtet. Ich habe in keiner Schule so viel über die Folgen von Hass und Hetzte gelernt und diskutiert wie in Chemnitz. 

Also bitte, liebe Medien: Es gibt sie, die Lehrer, auch in Chemnitz, die ihr bestes geben, junge Menschen heranzuziehen, die ihre Wut und Verbitterung in konstruktiver Form zu verarbeiten. Die Lehrer, die ich kennen lernte, haben unfassbar viel Freizeit mit uns Schülern verbracht. So kam man gar nicht erst auf die Idee, die Freizeit randalierend zu verbringen…

Wir haben sehr viel miteinander gelacht und auch (wie beispielsweise bei den Terroranschlägen in Amerika) miteinander geweint. Man kannte sich. Die Lehrer schauten uns in die Augen und erkannten, wenn es einem nicht gut ging.

Man bedenke auch, dass die Lehrer es zuhauf mit Kindern von extrem DDR-feiernden Eltern zu tun haben. Das ist eine Leistung, die man als Schüler nicht mitbekommt.

Danke an all die Menschen, die ich in Chemnitz kennen lernte und die mich teils auch sehr geprägt haben:)

Und nein, ich sehe nicht weg, bei allem, was passiert, aber es wird Zeit, dass man mit Chemnitz auch das Gute verbindet, was dort durchaus zuhauf vorkommt.

Liebe Grüße

Eure Mira

 

 

 


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