Mein Leben mit der Sportbulimie Teil II: Zwei Wochen Krankenhaus

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Liebe Leser,

zuletzt hatte ich beschrieben wie ich in die Spirale der Essstörung geraten bin, und wie sich die Krankheit bei mir zeigte.

Nun möchte ich dort fortfahren, wo ich den letzten Beitrag beendet habe: Im Krankenhaus.

Wie ich also beschrieb, landete ich auf der sogenannten „Inneren, psychosomatischen“ Station. Also der Station in einem großen Krankenhaus, auf der Menschen mit körperlichen Problemen, die eine psychische Ursache haben, landen.

In dem Zimmer, in dem ich lag, waren noch zwei Patientinnen, eine hatte mit Reflux (wenn einem immer wieder die Magensäure hochkommt) zu kämpfen die andere chronische Bauchschmerzen, bei denen kein Internist mehr weiter wusste. Wie beschreibt Eckart von Hirschhausen es so schön: Wenn die Ärzte nicht mehr weiter wissen, ist es psychisch. Also als Diagnose: **.* = „Ich weiß auch nicht was der Patient hat“

Ich hatte auf jeden Fall viel Glück, denn beide Mitpatientinnen waren wirklich lieb. Am Tag der Aufnahme wurde ich komplett vermessen, gewogen und mir wurde erklärt, wie die Spielregeln für Patienten mit Essstörungen aussehen:
Nie allein aufs Klo nach dem Essen.

Gegessen und getrunken wird ALLES, was gebracht wird. Also auch der plörre Kaffee^^

Und Wasser darf nur so viel getrunken werden, wie man „verordnet“ bekommt, um zu verhindern, dass man bzw. frau ihren Appetit dadurch zu zügeln probiert.

So. Hier zeigte sich zum ersten mal, dass man mit der Krankheit „Sportbulimie“ bis dato keinerlei Erfahrung hatte. Denn die Bemühungen, mich nach dem Essen zu beobachten, hätte man sich sparen können. Ich habe ja nicht gekotzt, sondern alle Kalorien abgelaufen, die ich zu mir nahm…

Das sollten aber nicht die einzigen merkwürdigen Verhaltensweisen mir gegenüber sein, mit denen ich es zu tun bekam.

Als „Essgestörte“ war ich für das Personal in dem Krankenhaus ganz unten in den Patientenkategorien angesiedelt. Also: „Die, die nicht leben wollen, aber für einen Suizid zu feige sind!“ Dies vertraute mir ein Pfleger in Ausbildung an.

Ich wurde als notorische Lügnerin und Betrügerin gesehen. Und täglich durchsuchte man meine Schränke. Denn es hätte ja sein können, dass ich doch noch irgendwie versuche, Abführmittel aus den Schwesterzimmern zu klauen und zu verstecken.

Im Nebenzimmer lag eine Patientin mit Anorexia Nervosa, also der allgemein bekannten „Magersucht“. Da wir auf dieser Station bereits Therapien wie „Entspannung nach Jakobsen“ und Physiotherapien hatten, lernte ich sie schon am dritten Tag meines Aufenthalts dort kennen.

Sie war in einem „Akutstadium“, d.h., so untergewichtig, dass ihr Zustand sehr lebensbedrohlich war und sie nicht einmal in einer Rehaklinik aufgenommen werden konnte. Dafür hätte sie mindestens fünf Kilo mehr wiegen bzw. zunehmen müssen.

Bei unserer ersten Begegnung war ich wirklich, wirklich sehr schockiert! Ich wusste nicht, dass eine Frau so wahnsinnig dünn sein kann, dass man wirklich alle Knochen sieht.

Von ihr lernte ich die Tricks kennen, mit denen viele Patienten mit Essstörungen versuchen, die Ärzte und Therapeuten auszutricksen.

Und ich war beeindruckt. Denn ihr Tag bestand zum Großteil daraus, die anderen Menschen so abzulenken bzw. täuschen, dass sie ums Essen herum kam.

Und sie machte in jeder erdenklichen Situation Sport. Zum Beispiel immerzu auf die Zehen wippen, Treppen laufen, die Luft anhalten (!)… Sie tat mir wirklich unfassbar Leid, denn es muss schlimm sein, so sehr von der Krankheit dominiert zu werden :,-(

Wir freundeten uns sehr schnell an, und führten ungemein interessante Gespräche, in denen wir oft darüber grübelten, warum wir so süchtig danach waren, die Kalorien zu vernichten. Damals wusste ich es wirklich nicht, darauf bin ich erst sehr langsam gekommen, eigentlich sogar erst in der Rehaklinik (das wird der dritte Teil meines Berichtes).

An Tag fünf machte ich erstmals Bekanntschaft mit einer Psychologin. Was war ich aufgeregt vor unserer Sitzung. Ich hatte echt Angst, dass ich irgendwie so richtig psychisch krank bin, also schizophren oder paranoid oder so;)

Ich kam also zur angegebenen Zeit in ihr Zimmer, und fand mich keineswegs auf einer Couch wieder, wie ich es vermutet hatte. Statt dessen saßen wir uns an einem kleinen, runden Beistelltisch gegenüber, auf dem eine Packung Tempos bereit lag.

„Haha“, dachte ich, „ich werd alles tun, aber den Gefallen hier zu heulen, bestimmt nicht.“

Letztendlich brauchte ich, glaube ich zehn Taschentücher, denn ich weinte sehr, sehr viel. Die Frau hatte dermaßen meinen Nerv getroffen, dass ich so richtig am Boden war.

 

Heute weiß ich nicht mehr, worum es inhaltlich ging. Nur an die Gefühle kann ich mich gut erinnern.

Mit dieser Therapeutin hatte ich leider nur noch eine weitere Sitzung, denn bereits nach zehn Tagen wurde ich in die  „richtige“ Psychiatrie des Krankenhauses verlegt.

Meine körperlichen „Beschwerden“ hatten sich soweit normalisiert, dass ich wieder richtiges Essen zu mir nehmen konnte, und mich richtig fit fühlte.

Und das ist ein sehr seltsames Gefühl:
Man fühlt sich fit, geradezu kerngesund und „liegt“ im Krankenhaus…

Das sahen die Ärzte genau so, und ich konnte diese merkwürdige Zwischenstation verlassen.

Aber ob ich mich nun freuen sollte, oder lieber weglaufen, wusste ich nicht. Denn in einer Psychiatrie eingewiesen zu werden, hat so einen faden Beigeschmack. Man gehört also zu den „Irren“. Ist ein Psycho??!

Und ich erwartete so etwas in der Art, wie ich im Film „Einer flog übers Kuckucksnest“ gesehen hatte:
Schreiende Mitpatienten, die um sich schlagen.

Wie es wirklich war, schreibe ich im nächsten Teil.

Liebe Grüße Eure Mira


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