Wo kann man das Spießerleben kaufen?

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Foto: Petra Bork / pixelio.de
Foto: Petra Bork / pixelio.de

Ihr Lieben,

ich komme gerade von einem Vorstellungsgespräch, und war eigentlich bis vor wenigen Minuten noch sehr zuversichtlich und optimistisch gelaunt.
Was genau mich da aus dieser Nummer gehauen hat (nicht das Vorstellungsgespräch, das war eigentlich bis jetzt okay), kann ich mir nicht so genau erklären.

Jedenfalls strömen die Tränen das Gesicht herunter und wollen nicht wirklich versiegen.

Vielleicht waren es ein paar Häuslebaue-Berichte in meiner Facebook-Startseite zu viel.

Alle möglichen Menschen in meinem Alter sind inzwischen verheiratet, haben mindestens ein Kind und bauen ein Haus.

Da wird täglich von Sorgen berichtet, welche meist die Kachelfarbe im zukünftigen Bad betreffen und ob lilane Vorhänge auf pinke Teppichböden passen.

Überall sehe ich kataloggetreue Kinderzimmer – und wusch – dann kommen die Tränen.
Mir sind die glänzenden Küchen ja noch echt egal, ich kann auch in eine Wohnung ziehen, in der es so etwas nicht gibt. Aber dass meine Tochter nicht auch solch ein Traumzimmer haben kann, das geht mir ziemlich auf den Zeiger.

Gibt es nicht irgendein Gesetz, dass vorschreibt, dass kleine Mädchen ein Recht auf rosa Kinderzimmer mit Hochbetten, Rutsche und eigenem Kleiderschrank haben???

Und natürlich weiche Teppiche mit Pferden drauf.

Wo bitte, kann ich meine Bestellung im Universum reklamieren???

Ich würde gerne mein Achterbahn-Action Leben gegen ein Spießerleben tauschen.

So mit Blumen auf dem Küchentisch und Kaffeeklatschrunden am Samstag im Wohnzimmer. Und mit einem Kindergartenplatz. Und mit einem Job, der zeitlich so günstig liegt, dass ich gemütlich von der Arbeit zum Kindergarten fahren und Lottchen abholen kann.

Mit einem Einkommen, dass ÜBER der Mindesteinkommensgrenze liegt. Und gerne mal so da drüber, dass ich mir Schuhe kaufen kann. Damit ich auch mal die Sorgen haben darf, ob meine Schuhe farblich zu dem netten Kleid passen, dass ich letzte Woche bei einem Versandhandel bestellt habe.

– So. Stopp jetzt. (…)


 

Heißt es nicht, dass man genau das anzieht, dass man mental ins Universum aussendet?
Also, wenn ich immerzu darüber nachdenke, was ich alles nicht habe, dann lebe ich weiter im Mangel?!!

War das nicht so? *g*
Ich muss gerade an die Geschichte „Sarah und die Eule“ denken, in der das Prinzip des Wünschens und der Gedankenkraft erklärt wird.

Dieses Buch kann ich auf jeden Fall wärmstens empfehlen:)

Gerade habe ich mit den Tränen, die mich herunter ziehen wollten, meinen Kopf auf Devas Brust gelegt. Und wollte so gerne immer tiefer ins Selbstmitleid sinken…

Und dann kam ein Impuls, der mich wach rüttelte. Denn: Habe ich nicht einfach wahnsinnig viel Glück derzeit???

Dank Deva sitzen Püppilotta und ich in einer schönen, warmen Wohnung, und haben genug zu Essen. Devas Geduld ist einmalig und trotz der vielen Widrigkeiten bin ich derzeit sehr oft sehr glücklich.Ihr glaubt gar nicht, wie viel Geld Deva in Püppilotta und mich bisher gesteckt hat … Das entspricht einem Kleinwagen!!!

Unser Herzensprojekt, der Elternblogger-Produktaward läuft super.

Ich erfahre genau die Liebe, die ich als Kind immer in meinen Träumen erleben durfte.

Ich habe ein gesundes Kind und auch Deva und ich sind grundsätzlich gesund (Erschöpfung und Urlaubsreife zählen mal grad nicht^^). Diese existentiellen Dinge sind doch das Wichtigste, nicht wahr?!

 

Also fange ich jetzt noch einmal an:

Ich sehe also solch ein Kinderzimmer, dass so heimisch und süß ist, dass ich gerade noch am heulen war und…

… freue mich auf das Kinderzimmer, dass ich Püppilotta bald einrichten werde.

Wenn ich einen festen Job und vor allem: Unsere gemütliche eigene Wohnung habe.

Und ich freue mich darauf, mit meinen Kollegen, die ich haben werde, Kaffee zu trinken.

Und ich freue mich auf das Kinderturnen zu dem Lottchen und ich gleich gehen. Das ist im Moment Kindergartenersatz.

Wenigstens mit anderen Kindern spielen soll sie können. Auch, wenn die Wartelisten lang sind in den Kindergärten hier.

Und ich freue mich auf den ersten Bummel durch Münster, wenn mein eigenes Gehalt gebucht wurde:-) Und ich mir ein paar Schuhe kaufen kann, dass zu der Jeans passt, die ich dann haben werde;)

Na, klingt das nicht viel besser???

Geht doch^^

Ganz liebe Grüße

Eure Mira


 

Hier nun ein Kommentar von Deva dazu

Ich bin froh, dass Mira nicht mehr in einer Depression steckt, sondern sich nur noch von beängstigenden Gedanken zeitweise „runterziehen“ lässt.

Der Unterschied zwischen Ängsten und einer Depression besteht für mich vor allem in der Dauer. Angst ist ein alte lebensrettende “ Reaktion auf Gefahren“. In der Frühzeit der Menschheit waren wir ja noch von gefährlichen Tieren umgeben und lebensbedrohlichen Wetter- bzw. Umweltsituationen ausgesetzt. Heute reagieren wir mit den gleichen Verhaltensmustern wie damals.

  1. Sich“ totstellen“: was im übertragenen Sinn bei depressiven Menschen geschieht. Sie fühlen sich hilflos und ziehen sich in ihr Schneckenhaus zurück, wo sie sich sicher, wenn auch „bescheiden“ fühlen; sie trauen sich nicht mehr aus dem Haus, öffnen keine Briefe mehr oder kommunizieren überhaupt nicht mehr mit der Außenwelt. Sie haben Angst jede weitere beängstigende Nachricht könnte ihnen die Lebenskraft bzw. den Lebensmut vollständig nehmen. Hier geht es vermutlich, mehr um Traurigkeit und darum sie nicht fühlen zu wollen, aus Angst sie nicht auszuhalten. Depressive Menschen fühlen sich häufig als Opfer.
  2. Wegrennen / Flüchten: Dieses Verhalten entspricht eher einem depressivem / ängstlichem Verhalten als einer Depression. Hier wird Adrenalin ausgeschüttet (zum Wegrennen), was Kraft und Energie gibt und sich sicherer anfühlt. Nach dem Abklingen des Adrenalins schleicht sich häufig Traurigkeit ein, wenn sie bzw. Gefühle generell nicht weggedrückt werden. In diesem Fall ist es hilfreich, die hinter der Traurigkeit liegenden Wut später einen sicheren Raum zu geben.
  3. Kämpfen: entspricht sich der Angst zu stellen, ihr in die „Augen zu schauen“. Auf der Gefühlsebene entspricht es der Wut. Wenn wir wütend sind, sind wir aktiv und fühlen uns stark und gerade nicht hilflos, was Menschen in dieser Situation unbedingt vermeiden wollen. Häufig liegt ein altes Urteil auf Hilflosigkeit/Aufgeben… Wichtig ist bei diesem Verhalten, die hinter der Wut liegende Traurigkeit, nach bestandener Angstsituation, Raum zu geben.

 

Für Menschen mit Depressionen ist es wichtig einen Menschen an ihrer Seite zu haben, der sie verständnisvoll immer wieder „motiviert bzw. antreibt“ sich zu bewegen. Wenn wir uns bewegen können wir uns nicht gleichzeitig hilflos und kraftlos fühlen. Bewegung macht uns bewusst, dass wir leben.

 

 


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